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Neue Märkte für Wind, Sonne & Co.

Mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) müssen immer mehr Betreiber von Wind-, Solar-, Wasserkraft- und Biogasanlagen selbst Abnehmer für ihren Strom finden. Wir erklären, wie die Direktvermarktung funktioniert und welche Märkte Ökostrom jenseits der Förderung findet.

Zitat Konstantin Nörenberg
„Mit EWE TRADING zählt EWE zu den führenden Direktvermarktern. Wir in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung begleiten die Arbeit und untersuchen, wie sich Ökostrom noch besser in den Markt integrieren lässt. Dazu gehören optimierte Preis- und Erzeugungsprognosen sowie die bessere Planbarkeit bei Windstrom. Je präziser Erneuerbare auf Marktsignale und die Nachfrage reagieren können, desto günstiger wird die Energiewende.“
Konstantin Nörenberg, Leiter Erzeugung und Handel in der Forschungs- und Entwicklungabteilung, EWE AG

Seit 1990 das Stromeinspeisegesetz beschlossen wurde, hatten Betreiber von Ökostromanlagen wenig mit dem Geschehen am Strommarkt zu tun: jede Kilowattstunde, die Windparks und Co. produzierten, wurde ins Netz eingespeist und mit dem immer gleichen Betrag vergütet.

Lange Zeit diente das dem Erfolg der erneuerbaren Energien. Heute jedoch, wo sie fast ein Viertel des Stroms in Deutschland stellen, bringt es Probleme mit sich: Das Volumen der EEG-Umlage ist 2013 auf 19,4 Milliarden Euro gestiegen. Zugleich geraten Börsenhändler und Netzbetreiber ins Schwitzen, wenn sich ein erheblicher Anteil der Stromerzeugung nicht daran orientiert, wieviel Energie wann überhaupt gebraucht wird.

Es ist klar: Sollen die Erneuerbaren die Verantwortung für die deutsche Energieversorgung übernehmen, müssen sie am Markt teilnehmen. Mit der Reform des EEG 2014 verpflichtet der Gesetzgeber daher die Betreiber neuer, größerer Anlagen, selbst Abnehmer für ihre Energie zu finden.

Direktvermarktung – was ist das?

Wer seinen Ökostrom am Markt verkauft, erhält den Marktpreis und als Förderung einen Aufschlag, der den Unterschied zur EEG-Vergütung ausgleicht und Kosten der Vermarktung berücksichtigt. Ältere Anlagen, die freiwillig an den Markt gehen, bekommen dafür einen separaten Bonus – künftig 0,4 Cent pro Kilowattstunde für Wind und Sonne, 0,2 ct/kWh für steuerbare Erzeuger wie Biogas.

Da der Stromhandel technisch, organisatorisch und rechtlich sehr anspruchsvoll ist, übertragen die meisten Anlagenbetreiber die Vermarktung einem erfahrenen Dienstleister. Dazu räumen sie ihm das Recht ein, ihre Anlagen nach den Anforderungen des Marktes fernzusteuern – innerhalb vorher festgelegter Grenzen und Zeiten.

Wer keinen Kunden oder Vermarkter sucht, so dass wie bisher der Netzbetreiber als Abnehmer einspringen muss, erhält für neue Anlagen künftig nur noch 80 Prozent der Vergütung. Handelt man als gut und bietet Strom dann an, wenn er benötigt wird, kann man mehr damit verdienen als bisher, während derjenige, der die Nachfrage ignoriert, künftig schlechter dasteht.

Bereits bevor die Direktvermarktung zur Pflicht wurde, haben die Chancen auf gute Erlöse viele Ökostrom-Erzeuger an den Markt geführt: Im Juli 2014 nahmen über 86 % der Windenergie-, 52% der Biogas- und 15% der Photovoltaikanlagen am Handel teil.

Ökostrom geht an den Markt

Anteil der Ökostromanlagen, die im Juli 2014 bereits an der Direktvermarktung teilnahmen.

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Ökostrom geht an den Markt

Anteil der Ökostromanlagen, die im Juli 2014 bereits an der Direktvermarktung teilnahmen.

Ökostrom geht an den Markt

Herausforderungen: Anlagensteuerung und Prognosen

Erneuerbare Energien am Markt anzubieten klingt einfacher, als es ist. Wasserkraft- und Biogasanlagen können flexibel gesteuert werden, doch die Verfügbarkeit von Wind- und Sonnenenergie entspricht Tageszeit und Wetter. Um Ökostrom sinnvoll zu handeln, gilt es daher, ein Sortiment aus verschiedenen Anlagentypen an unterschiedlichen Standorten zu schnüren, Dafür muss man wissen, wieviel Strom jede Anlage produziert, wieviel sie bereitstellen könnte – und wie sich Wetter und Nachfrage entwickeln.

Zum einen müssen daher alle Anlagen, die an der Direktvermarktung teilnehmen, mit intelligenten Stromzählern und einer Fernsteuerung ausrüstet werden, die steuerbare Anlagen hoch- und herunterfahren und Erzeuger zur Not auch abschalten kann.

Zum anderen muss man beurteilen, welche Anlagen wann am Wirtschaftlichsten arbeiten. Dazu werden laufend Prognosen erstellt, wieviel Strom erzeugt werden kann und welche Preise sich damit erzielen lassen.

Wo und wie wird der Strom verkauft?

Der meiste Strom wird an der Strombörse gehandelt. Die wichtigsten Märkte für den wetterabhängigen Ökostrom sind die Kurzfristigen – von einem Tag auf den nächsten oder innerhalb eines Tages. Vermarktungsdienstleister müssen dafür rund um die Uhr handeln. Wer seine Anlage steuern kann, wird bevorzugt dann einspeisen, wenn die Preise gut sind. Besteht hingegen ein so großes Überangebot, dass der Börsenpreis ins Minus fällt, können Anlagen vom Netz genommen werden.

Ein weiterer Markt ist die sogenannte Reserve: Die Betreiber der Übertragungsnetze brauchen in unerwarteten Situationen – wenn etwa der Stromverbrauch höher ist als vorhergesehen oder ein Kraftwerk ausfällt – schnelle Unterstützung, um das Netz stabil zu halten. Stromerzeuger müssen dafür auf Abruf hoch- oder heruntergefahren werden – je nach Dringlichkeit binnen weniger Sekunden, mindestens aber binnen 7 Minuten. Steuerbare erneuerbare Energien wie z.B. Biogasanlagen –– können hier über Vermarkter teilnehmen und gute Erlöse erzielen.

Stromerzeuger und -abnehmer können auch direkte Lieferverträge schließen. Gerade bei größeren Strommengen, gut planbarem Verbrauch und räumlicher Nähe kann das Sinn machen, etwa wenn eine Biogasanlage einen Betrieb im angrenzenden Gewerbegebiet versorgt. Allerdings ist das organisatorisch enorm aufwändig – schließlich muss jemand direkt vor Ort stets dafür sorgen, dass Erzeugung und Verbrauch im Einklang stehen. Häufiger nutzen daher Betriebe, Liegenschaften, aber auch immer mehr Haushalte Strom aus eigenen Anlagen selbst und schließen Verträge mit Versorgern, mit denen diese automatisch Energie liefern, wenn der eigene Strom nicht ausreicht.

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