Navigation
Vorheriger Artikel: Wächter übers Energiedaten-Drehkreuz Nächster Artikel: Wer möchte smart wohnen?

Hummer lieben Offshore-Windparks

Bietet der EWE-Windpark Riffgat Lebensraum für den bedrohten Europäischen Hummer? Rund 2.500 Junghummer haben Forscher des Alfred-Wegener-Instituts an den Füßen der riesigen Windräder ausgesetzt in der Hoffnung, dass sie sich dort pudelwohl fühlen. Nun liegen erste Ergebnisse vor – ist der Offshore-Windpark am Ende eine Bereicherung für die Nordsee?

Dr. Roland Krone, AWI, wissenschaftlicher Leiter der Tauchuntersuchungen
„Eine erfolgreiche Ansiedlung der Hummer in den Kolkschützen von Offshore-Windenergieanlagen könnte dazu beitragen, die Population der gefährdeten Hummer zu stärken. Somit kommt der Energiewende ein weiterer wichtiger Beitrag in Sachen Umwelt- und Naturschutz zu.“
Dr. Roland Krone, Wissenschaftlicher Leiter der Tauchuntersuchungen, Alfred-Wegener-Institut

Offshore-Windparks leisten nicht nur einen konstanten Beitrag zur Energiewende, sondern können sich auch in Sachen Umweltschutz sehen lassen zumindest, wenn man es richtig angeht. Natürlich stellen die Windparks in der Deutschen Bucht einen Eingriff in das Ökosystem Nordsee dar; der jedoch muss keinen Schaden anrichten, sondern kann den Meerestieren vor Ort sogar nutzen. Während der Bauphase geht es in erster Linie darum, die Belastung für Meeresbewohner so niedrig wie möglich zu halten zum Beispiel, in dem allzu lauter Schall vermieden wird. Sind die Windparks erst einmal fertiggestellt, müssen sie aber keine Fremdkörper im Meer bleiben, sondern können selbst zum Lebensraum werden.

Offshore-Windparks als exklusive Wohngegend

Denn mit dem Bau von Windparks auf hoher See entstehen am Meeresgrund neue Strukturen. In der Deutschen Bucht finden sich vorwiegend Sand- und Schlickböden. Die festen Fundamente von Offshore-Windenergieanlagen können dort einen neuen Lebensraum für diejenigen Vertreter der Tier- und Pflanzen-Unterwasserwelt bieten, die felsigeres Terrain bevorzugen.

Zudem sind die Windparks für die industrielle Fischerei gesperrt und bieten so einen sicheren Hafen für Meerestiere. Dies gilt möglicherweise auch für den Europäischen Hummer, der bisher vor allem im Felsgebiet um die Insel Helgoland vorkommt. Trotz diverser Schutzmaßnahmen hat sich die Hummerpopulation bis heute nicht von einem starken Einbruch in den 1950er und 1960er Jahren erholt, die Tiere gelten als gefährdet.

Der Europäische Hummer, U. Nettelmann

Der Hummer auf der Suche nach sicherem Lebensraum

Der Hummer ist dabei nicht nur eine gefragte Delikatesse, er ist insbesondere für einen gesunden Lebensraum unter Wasser wichtig. Wegen ihrer Größe und ihres breiten Nahrungsspektrums sind Hummer die wichtigsten wirbellosen Raubtiere in der artenreichen "Wohngemeinschaft", die sich rund um härtere Böden ansiedelt. In dem sie die Zahl vieler anderer Tiere im Rahmen halten, ohne sich dabei selbst zu schnell zu vermehren, helfen sie, die Artenvielfalt zu sichern es bleibt für jeden genug Raum, wo ohne Hummer solche Gemeinschaften kippen könnten.

Eben an den Hummern hapert es aber: In der deutschen Nordsee rund um Helgoland erholten sie sich nie von den Bombardements im und nach dem zweiten Weltkrieg und wurden zudem lange intensiv gefischt. Zudem wachsen sie nur langsam und lassen sich als Einzelgänger nicht allzu leicht züchten. Klar ist also: Hummer brauchen geschützte Räume, damit sich die Population ernsthaft erholt. Liegt es da nicht nahe, die Offshore-Parks in den Blick zu nehmen, wo Hummer sich entwickeln können, ohne frühzeitig auf dem Teller zu landen? Insbesondere, da Untersuchungen auf Helgoland gezeigt haben, dass ausgesetzte Hummer stets in der Nachbarschaft bleiben, man die Tiere also gezielt ansiedeln kann! Aber nehmen sie den ungewöhnlichen Wohnort an und überleben sie dort? Genau das haben Forscher der Biologischen Anstalt Helgoland untersucht, die zum Alfred-Wegener-Institut (AWI) gehört.

Der Europäische Hummer ist ein reiner Felsbodenbewohner. In natürlicher Form gibt es solche Böden in der südöstlichen Nordsee nur in der direkten Nachbarschaft Helgolands. Die Kolkschätze – künstlich angelegte Steinschüttungen, die das Freispülen von Offshore-Fundamenten verhindern sollen –, bieten sich als geeignete Lebensräume für den Hummer an – klein, aber fein. Im Sommer 2014 haben die Forscher dementsprechend rund 2.500 im Forschungsinstitut aufgezogene Jungtiere an den Fundamenten des EWE-Windparks Riffgat angesiedelt. Eine Arbeit für Geduldige – denn die Tiere wurden einzeln und nach und nach an den Kohlschützen ausgesetzt, da sie sich als Einzelgänger sonst gegenseitig bekämpft hätten. Seitdem blickt man gespannt darauf, wie sich die Bevölkerung entwickelt – und was das für die bestehende Flora und Fauna vor Ort bedeutet.

Finanziert wurde das Projekt vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz aus den Mitteln, die die Bauherren von Riffgat geleistet haben als Ausgleich für den Eingriff in die Natur.

Der Hummer in Riffgat, P. Kanstinger

Riffgat ist bei Hummern beliebt

Die ersten Nachuntersuchungen haben gezeigt, dass die Hummer ihrem neuen Lebensraum treu bleiben – sie scheinen sich in den künstlichen "Riffen" der Windpark-Fundamente wohlzufühlen. So sehr sogar, dass weitere, wilde Hummer in den Windpark eingewandert sind. Die Entwicklung ist so ermutigend, dass die Forscher nun planen, weitere Junghummer in Riffgat anzusiedeln, um die Bevölkerung schneller zu vergrößern.

Das Hummerprojekt des AWI ist das erste seiner Art und bereitet so den Weg nicht nur für die weitere Entwicklung in Riffgat, sondern auch für die Ansiedlung an anderen Windparks. Die weitere Entwicklung bleibt spannend: Schließlich könnten neben dem Hummer auch weitere Tier- und Pflanzenarten in Offshore-Windparks ein erholsames Zuhause finden. Damit brächte die Energiewende auf See trotz des anfänglichen Eingriffs am Ende einen positiven Nebeneffekt für Flora und Fauna – neue, geschützte Lebensräume.

Wie fanden Sie diesen Artikel?

71 Bewertungen
Vorheriger Artikel: Wächter übers Energiedaten-Drehkreuz
Nächster Artikel: Wer möchte smart wohnen?