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Energiewende beim Hausbau: Nicht nur eine Frage der Technik

Ein großer Teil des privaten Energieverbrauchs entfällt aufs Eigenheim. Dämmung und Effizienztechnik sind wichtige Hebel – aber nicht die Wichtigsten, meint Architekt Ingo Gabriel: Größe und Lage der Immobilie werden entscheidend für Klima- und Kostenbilanz

Prof. Ingo Gabriel
"Größe und Lage sind wichtig: In  Einfamilienhäusern leben im Schnitt nicht mal mehr zwei Personen. Viele Zimmer werden beheizt, aber nicht mehr genutzt. Zudem kostet, wenn Sie nur zehn Kilometer von der Arbeit entfernt wohnen, allein das Pendeln in zehn Jahren rund 50.000 Euro. Die Kosten und die Energie für diese Fahrten können Sie durch Dämmung gar nicht wieder einsparen."
Prof. Ingo Gabriel, Architekt

Rund ein Drittel des CO2-Ausstoßes in Deutschland entsteht durch Heizung und Warmwasser im Haus. Um die Energiewende auch beim Wohnen voranzubringen, wird daher viel technischer Aufwand betrieben – aufwändige Dämmung, mehrfachisolierte Fenster, neue Heiztechnik,  Wassererhitzung mit Hilfe der Sonne oder Erdwärme.

Das ist sinnvoll – aber oft nicht der wichtigste Ansatzpunkt, sagt der Oldenburger Architekt Ingo Gabriel, Experte für Effizienzhäuser und energetische Sanierung: „Bevor es ans Bauen und Renovieren geht, sind erst einmal ganz andere – für den zukünftigen Energieverbrauch viel entscheidendere – Fragen zu beantworten: die nach dem Platzbedarf und nach der Entfernung zur Arbeitsstätte.“

Energie- und Geldfresser Nummer eins: zu große Häuser

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Energieverbrauch pro Quadratmeter deutlich gesunken – hier kommen effizientere Technik und bessere Materialien wirklich zum Tragen. Gleichzeitig steigt die Wohnfläche pro Person aber ständig an. „Im Durchschnitt leben in den deutschen Einfamilienhäusern inzwischen weniger als zwei Personen“, stellt Gabriel fest. „Rund 12 Millionen Kinderzimmer stehen leer“.

In Zeiten zunehmender Wohnungsnot in vielen Großstädten wird das nicht zum sozialen Problem – sondern auch zum energetischen: Eine Menge Wohnraum wird kaum genutzt, aber trotzdem beheizt. Unterm Strich wird daher kaum weniger Energie fürs Heizen verbraucht als früher.

Entwicklung von Energieeffizienz und Wohlfläche
Wohnen immer weniger Menschen auf immer mehr Quadratmetern, sinkt der Energieverbrauch auch nicht mit effizienterer Technik.

Flexible Nutzung einplanen – und sich aufs Wesentliche konzentrieren

Der Architekt rät deshalb jedem Bau- und Sanierungswilligen, sich zuallererst klar zu machen, wie lange er in seinem Haus leben wolle und welcher Platzbedarf in den kommenden Jahren tatsächlich bestehe: „Es ist kaum sinnvoll, ein Haus für eine vierköpfige Familie zu bauen, wenn die Kinder nach zehn Jahren aus dem Haus sind und danach große Teile nur noch als Abstellraum für Möbel genutzt werden. Wenn Sie in der Zwischenzeit wirklich eine so große Immobilie brauchen, planen Sie so, dass Sie daraus später zwei Wohnungen machen können. Die eine nutzen Sie selbst, und die andere vermieten bzw. verkaufen Sie an jemanden, der ein ähnliches Problem hat. Vom Geld, das dabei herauskommt, machen Sie sich ein schönes Leben.“

Zudem sei ein Bauherr gut beraten, wenn er sich zu Beginn der Planungen vor Augen führe, wie viele Stunden am Tag er sein Haus nutze. Wer viel außerhalb arbeite und häufig reise, würde genau genommen für sehr viel Geld vor allem Schlafzimmer errichten. Ist der Hobbykeller, die weitläufige Loggia oder die Profiküche dann wirklich eine sinnvolle Investition?

Verhagelt Effizienz- und Kostenbilanz: ungünstige Lage

Eine andere zentrale Frage dafür, wie klimafreundlich und effizient ein Haus ist, hat mit dem Gebäude selbst gar nichts zu tun: Es ist die Lage. Gabriel rechnet vor: „Liegt Ihr Haus nur zehn Kilometer von der Arbeitsstätte entfernt, kostet allein das tägliche Pendeln in den nächsten zehn Jahren rund 50.000 Euro. Die Kosten und die Energie, die Sie für diese Fahrten benötigen, können Sie durch Dämmung gar nicht wieder einsparen“.

Sinnvoller fürs Klima und fürs Budget ist es oft, diese 50.000 Euro in ein günstiger gelegenes Grundstück zu investieren. Das amortisiert sich durch weniger Pendelkosten und reduziert unmittelbar die CO2-Emisisonen im Verkehr – die immerhin knapp 20 Prozent der gesamten Treibhausgasausstoßes in Deutschland ausmachen und immer weiter steigen.

Außerdem lohnt es sich beim Wiederverkauf, erklärt der Experte: „Die Bevölkerung schrumpft, langfristig nimmt daher die Nachfrage nach Häusern ab. Bestimmte Lagen werden immer attraktiv sein – doch wenn die Preise einbrechen, tun sie das als erstes bei Immobilien, die wegen ihrer Größe im Unterhalt zu teuer sind und wegen ihrer Lage hohen Mobilitätskosten mit sich bringen.“  

Energieeffizienz beim Wohnhaus

Intelligente Energietechnik wird ein Wert für sich

Wenn man Größe und Lage gegenrechnet, kann eine sinnvolle Planung des Neubaus auch die Kosten für nachhaltige Technik ausgleichen. „Ein Solarspeicher, mit dem Sie sich selbst mit Sonnenstrom versorgen können, ist noch recht teuer und trägt sich teils erst nach mehr als zehn Jahren. Aber wenn Sie ihr Haus nur fünf Quadratmeter kleiner planen, haben Sie diese Kosten sofort wieder raus“, meint der Oldenburger. 

Sein eigenes Haus hat Gabriel übrigens auf 60 Quadratmeter ausgelegt und erzeugt mit erneuerbaren Energien mehr Strom und Wärme, als die dreiköpfige Familie verbraucht. „Die Frage ist eben nicht nur: Was kostet mich die Energietechnik?, sondern: Sind mir fünf Quadratmeter Wohnfläche mehr wert als 100 Prozent Strom aus der eigenen Solaranlage? – und wie würde ich die fünf Quadratmeter überhaupt nutzen.“ Auch bei einem künftigen Wiederverkauf zähle ein intelligentes Energiekonzept immer mehr zu den wichtigen Argumenten.

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