Navigation
Vorheriger Artikel: Mit dem Elektroauto auf Tour Nächster Artikel: Erneuerbare wachsen nur noch langsam

Energieversorger probt die Diät

Die guten Vorsätze fürs neue Jahr sind häufig im Februar schon wieder perdu. Ein Energiemanagement-System hilft Unternehmen, die richtigen Hebel anzusetzen und ihre Pläne fürs Energiesparen durchzuhalten. Wir zeigen, wie 11 EWE-Gesellschaften bis zu 90% sparen. 

Stefan Schulze
„Viele unsere Kunden wollten ein Energiemanagement lediglich einführen, um von Steuervorteilen zu profitieren. Nach einem Jahr stellen sie begeistert fest, dass die eingesparten Energiekosten alleine den Aufwand schon bei Weitem übertreffen.“
Stefan Schulze, Projektleiter bei EWE VERTRIEB

Ein Energieversorger, der Energie sparen will? Das passt durchaus zusammen, deshalb berät EWE nicht nur seine Kunden, wie sie Stromfressern den Appetit verderben, sondern geht auch selbst mit gutem Beispiel voran. Das Unternehmen nimmt den eigenen Verbrauch seit Jahren kritisch unter die Lupe, um ihn nachhaltig zu senken. Das hat schon zu beeindruckenden Erfolgen geführt, weil EWE das komplexe Thema mit System angeht – mit einem Energiemanagement-System.

Wächter über gute Vorsätze

Welche Bestandteile ein Energiemanagement umfassen muss und wie Unternehmen vorgehen sollen, um mehr Energieeffizienz zu erreichen ist – wir leben in Deutschland – in einer Norm präzise festgehalten: der DIN EN ISO 50001. Dieser strukturierte Angang lenkt den Blick unmittelbar auf die wirklich großen Energiefresser. So können Einsparmaßnahmen genau dort ansetzen, wo auch große Erfolge zu erzielen sind. Die Unternehmen dokumentieren entlang dieser Leitschnur, welche Maßnahmen und Ziele sie sich für die kommenden Monate und Jahre vorgenommen haben.
Für die nötige Verbindlichkeit sorgt ein unabhängiger, zugelassener Gutachter, der prüft, ob das eingeführte Energiemanagement-System die Ansprüche der Norm erfüllt. Fällt die Prüfung positiv aus, stellt er ein offizielles, international gültiges Zertifikat aus. Diese Auszeichnung müssen sich die Unternehmen immer wieder aufs Neue verdienen. Denn der Zertifizierer überprüft jährlich, ob die Unternehmen die geplanten Maßnahmen mit Erfolg umgesetzt haben.

Energieversorger probt die Diaet Meeting

Führer durch den Normendschungel

Wen der Wust an Vorschriften, die Komplexität der Norm und das formalistische Vorgehen verschrecken, den kann Stefan Schulze von EWE VERTRIEB beruhigen. Er berät und begleitet Unternehmen, die Energiemanagementsysteme einführen wollen. „Trotz enger Vorgaben aus der Norm können wir den Prozess praktikabel gestalten und auf die Bedürfnisse des Kunden anpassen“, sagt Schulze. „Wenn ein Kunde befürchtet, dass der Aufwand zu hoch sei, erarbeiten wir eine schlanke Lösung, die dennoch die Anforderungen erfüllt.“
Denn oftmals ist die Motivation zur Einführung eines Energiemanagement-Systems zunächst nur die Steuerersparnis, die Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe winkt. Nach der Erfahrung von Schulze und seinen Kollegen steht jedoch am Ende auch immer eine satte Einsparung bei den Energiekosten, die den Aufwand allemal rechtfertigt.
Als Energiemanagement-Experte hat Schulze auch seine Kollegen im EWE-Konzern bei der Einführung von Energiemanagement-Systemen beraten. Inzwischen sind die elf EWE-Gesellschaften mit dem höchsten Energieverbrauch erfolgreich zertifiziert worden. Frisch dabei ist die Holding EWE AG, die im Dezember 2016 erstmals ihr Zertifikat erhalten hat.

Struktur des Energie­verbrauchs in Deutschland

Werte in Prozent

Struktur des Energie­verbrauchs in Deutschland Vergrößern Hier klicken zum Vergrößern

Struktur des Energie­verbrauchs in Deutschland

Werte in Prozent

Struktur des Energie­verbrauchs in Deutschland

Detektivarbeit: mit passenden Daten die Energiefresser finden

Ulf Knigge ist der verantwortliche Energiemanagement-Beauftragte für die EWE AG. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Betrieb der Gebäude. Immerhin schlagen bei EWE rund 400 Liegenschaften zu Buche, vom Bürokomplex bis zur Garage. Gerade auch die Rechenzentren stellen wegen ihrer Kühlanlagen ganz besondere Anforderungen an die Gebäudetechnik. Der besondere Kniff liegt laut Knigge im richtigen Messkonzept: „Für ein Bürogebäude kann ein einzelner Zähler unter Umständen schon aussagekräftige Zahlen liefern. Wenn jedoch ein Kantine oder ein Rechenzentrum angeschlossen sind, müssen die einzelnen Verbräuche sauber herausgeschält werden.“
Knigges nächstes großes Thema für 2017 ist die Beleuchtung. Die energie- und kosteneffiziente LED-Technik ist inzwischen ausgereift und bietet ein breites Einsatzspektrum. Aber auch hier gilt es wieder, die richtigen Schwerpunkte zu setzen. „Wenn eine Leuchtstoffröhre im Keller nur eine halbe Stunde am Tag angeschaltet ist, ist das garantiert die letzte, die wir austauschen werden“, sagt Knigge.

Energieversorger probt die Diaet diagramme

So sparten selbst Energieprofis einen Großteil ihres Verbrauchs

Auch der Abwasserentsorger EWE WASSER freut sich als Neueinsteiger seit Ende letzten Jahres über die Erstzertifizierung. Und darüber, dass gleich im ersten Durchlauf ein enormes Einsparpotenzial identifiziert und sogleich gehoben wurde: Auf einer Abwasserreinigungsanlage in Cuxhaven waren vier 30 Jahre alte Pumpen täglich bis zu 16 Stunden im Einsatz, um gereinigtes Wasser in die Nordsee zu leiten. Der Austausch der alten Maschinen gegen moderne, effiziente Anlagen sowie die Erneuerung der Armaturen reduziert den Energieverbrauch um etwa 90 Prozent.
Ein alter Hasen in Sachen Energiemanagement ist der Speicherbetreiber EWE ENERGIESPEICHER. Das Unternehmen wurde bereits 2013 erstmals zertifiziert und ist noch immer voller Überzeugung dabei. Die bislang realisierten Einsparungen sprechen für sich, etwa eine auf den ersten Blick unscheinbare Prozessveränderung beim Betrieb der Erdgasspeichern: Ein erheblicher Primärenergieverbrauch entfällt darauf, das Erdgas bei der Entnahme aus den Kavernen zu trocknen. Das dafür eingesetzte Glykol muss ständig erwärmt vorgehalten werden, damit die Speicher flexibel einsetzbar sind. Früher wurde es dauerhaft auf die Mindesttemperatur erwärmt. Nun greift eine Energieeffizienzmaßnahme: Das Glykol wird nur noch zwei bis drei Mal täglich auf die notwendige Temperatur erhitzt und kühlt danach bis zu einem Grenzwert ab. Wenn Erdgas entnommen wird, wird das so vorgewärmte Glykol wieder auf die Prozesstemperatur gebracht. Dadurch laufen die erdgasbetriebenen Brenner statt rund um die Uhr nur noch ein paar Stunden am Tag. EWE erwartet durch diese Maßnahme eine dauerhafte Halbierung des jährlichen Erdgasverbrauchs von rund 65 auf 32 Mio. kWh jährlich.
Jan Mechelhoff, Betriebsingenieur und stellvertretender Energiemanagement-Beauftragter bei EWE GASSPEICHER, hält insbesondere die Einbeziehung aller Mitarbeiter für einen entscheidenden Erfolgsfaktor des Energiemanagements: „Da entstehen Ideen, auf die wäre man sonst gar nicht gekommen.“ Er ist überzeugt, dass das Energiemanagement-System einen erheblichen Anteil daran hat, die Stellhebel für Einsparungen zu identifizieren: „Mit so einem System im Rücken kann man zeigen, dass überall Potenzial steckt.“

Energie­effizienz als Wettbewerbs­faktor

Entwicklung von Energieeffizienz und Strompreisen für die deutsche Industrie (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten von AG Energiebilanzen, Statista)

Energie­effizienz als Wettbewerbs­faktor Vergrößern Hier klicken zum Vergrößern

Energie­effizienz als Wettbewerbs­faktor

Entwicklung von Energieeffizienz und Strompreisen für die deutsche Industrie (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten von AG Energiebilanzen, Statista)

Energie­effizienz als Wettbewerbs­faktor

Wie fanden Sie diesen Artikel?

8 Bewertungen
Vorheriger Artikel: Mit dem Elektroauto auf Tour
Nächster Artikel: Erneuerbare wachsen nur noch langsam