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Die Energiewende bricht auf ins digitale Zeitalter

Im Norden beginnt das nächste Kapitel der Energiewende: Mit „enera“ wollen Unternehmen, Wissenschaft und Politik 170 Millionen Euro in die Digitalisierung der Energieversorgung investieren. Projektleiter Christian Arnold erklärt, wohin die Reise geht.

Christian Arnold EWE AG Projektleiter Enera
Die Energiewende schaffen wir nicht mit dem Denken von gestern. Wollen wir ihre Chancen nutzen, müssen wir vieles in der Energieversorgung ganz neu angehen. Die intelligente Nutzung von Daten spielt dabei eine zentrale Rolle. Dadurch, dass wir bei EWE Energie, Telekommunikation und IT verbinden, sind wir in einer tollen Ausgangsposition – müssen uns aber auch selbst immer wieder in Frage stellen.
Christian Arnold, EWE AG, Leiter Enera

Update: Am 6. Dezember 2016 hat enera den Förderbescheid des Bundeswirtschaftsministeriums erhalten. Nun startet die Umsetzung! In der Zwischenzeit wurde das Projekt bereits zweifach prämiert - als eine der besten Ideen Deutschlands (Land der Ideen) und mit dem Sonderpreis Digitalisierung (Handelsblatt Energy Awards)

„Schaufenster Intelligente Energie“ – das klingt nach einer Auslage, die Appetit machen soll. Hinter dem Programm des Bundeswirtschaftsministeriums steckt aber viel mehr: Es geht darum, heute schon die Energieversorgung von morgen aufzubauen und in der Praxis die besten Lösungen für eine intelligente Energiewende zu finden.

Fünf solche „Schaufenster“ gibt es in Deutschland, mit jeweils eigenem Schwerpunkt. Wir konzentrieren uns mit enera auf ein heiß diskutiertes Thema: die Digitalisierung. Wenn immer mehr Daten immer schneller übertragen werden, wenn wir dadurch immer mehr wissen können und sich Technik immer besser automatisieren lässt – was bedeutet das für die Energiewende? Wo liegen die Chancen, sie schlauer, effizienter und sicherer zu machen?

Das wollen wir ausprobieren – zwischen Friesland und Aurich, Emden und Wittmund. Weil hier heute schon so viel Ökostrom durchs Netz fließt, wie es bundesweit erst für 2050 geplant ist, können wir zeigen, welche Herausforderungen in den nächsten 35 Jahren auf die Energieversorgung zukommen – und wie sie sich mit den richtigen Daten und smarter Technik meistern lassen.

Wir haben dafür ein großes Netzwerk aus Experten vor Ort aufgebaut – von Konzernen bis Startups, von Forschungslaboren bis Stadtverwaltungen – und werden gemeinsam noch einmal rund das Dreifache von dem investieren, was wir aus Berlin an Förderung erhalten. Doch was haben wir konkret vor?

Die Enera Modellregion - Nordwesten führt bei Energiewende
Die Enera-Modellregion im Nordwesten hat heute schon so viel Ökostrom im Netz, wie es Deutschlandweit erst für 2050 geplant ist.

Hardware-Upgrade für die Energieversorgung

„Digitalisierung der Energieversorgung“ bedeutet nicht, dass sich künftig alles virtuell abspielt. Maschinen sollen lernen, miteinander – und mit uns –  besser zu kommunizieren. Dafür braucht die Energieversorgung ein Hardware-Upgrade.

Damit weder zu viel noch zu wenig Strom erzeugt wird, müssen wir genauer wissen, wie viel gerade wo gebraucht wird. Über 30.000 intelligente Stromzähler wollen wir in Haushalten, Gewerben und Betrieben installieren und rund 1.000 Knotenpunkte im Stromnetz mit online- Messtechnik ausrüsten.

Die Technik soll immer selbstständiger auf diese Informationen reagieren können: Mit bis zu 200 intelligenten Trafos wollen wir einen guten Teil der Schwankungen im Ortsnetz, wie sie häufig durch Solaranlagen entstehen, automatisch ausgleichen. Mit sogenannten Vollumrichtern können Windkraftanlagen helfen, die Spannung im Netz stabil zu halten. Große, flexible Verbraucher – z.B. Industriebetriebe – möchten wir mit Steuertechnik ausstatten, mit der sie die Produktion steigern können, wenn ein Überangebot an Ökostrom herrscht und umgekehrt. Und mit der Installation von 10 Megawatt Stromspeichern sorgen wir dafür, dass der bei steifer Brise überschüssige Ökostrom bei Flaute abgerufen werden kann.

Kurzum: Jeder soll sehen können, was die Situation erfordert, und möglichst einfach seinen Teil dazu leisten, dass wir zu vernünftigen Kosten eine sichere Energieversorgung haben.

Digitale Heimat für intelligente Energie

Damit das funktioniert, müssen all diese Daten zusammenfließen und so aufbereitet werden, dass man damit gut arbeiten kann. Deshalb brauchen wir eine Plattform für den Datenaustausch: als digitale Heimat für die Energiewende.

Sie zu entwickeln bedeutet weit mehr, als die richtigen Kabel an einen zentralen Rechner anzuschließen: Nötig sind geeignete Schnittstellen, damit alle Technologien eine gemeinsame Sprache sprechen. Damit  die Plattform rege genutzt wird, müssen wir darauf zentrale Dienste wie Abrechnungssystem und Berichtswesen bereitstellen und es jedem Nutzer einfach machen, seine Aufgaben wahrzunehmen.

Nicht zuletzt dürfen wir uns dabei, was IT-Sicherheit und Datenschutz betrifft, nur mit dem Besten zufrieden geben – schließlich ist Energie für die Gesellschaft lebenswichtig.

Enera will eine digitale Heimat für die Energiewende schaffen

Labor für die Geschäftsmodelle von morgen

Am Ende zählt das, was sich in diesem „Haus“ abspielen wird. enera will ein kreatives Zukunftslabor sein, in dem neue, smarte Prozesse, Dienste und Produkte entstehen. Dabei geht es um mehr Sicherheit und Komfort auf der einen Seite und eine höhere Wirtschaftlichkeit der Energiewende auf der anderen.

Das betrifft besonders Stromerzeuger, -händler und Netzbetreiber. Um die Ressourcen in der Region optimal zu nutzen, muss der Strom genau nach Bedarf vor Ort erzeugt und genutzt werden, mit einer Flexibilität, die das Netz entlastet und teuren Ausbau spart. Dafür möchten wir Erzeuger, Speicher und Betriebe zu regionalen virtuellen Kraftwerken vernetzen und einen Marktplatz für regionale Energieprodukte und -dienstleistungen entwickeln. Die Zusammenführung aller Daten ermöglicht dabei zuverlässigere Prognosen und einen effizienteren Handel.

Doch auch für Haushalte ergeben sich spannende Möglichkeiten: Mit intelligenten Zählern und mehr Transparenz im  Stromnetz können individuelle, flexible Tarife entstehen, die zum Beispiel belohnen, das Elektroauto dann zu laden, wenn viel Wind weht – oder Apps, die interaktiv helfen, Energie zu sparen. Ist das eigene Haus in die smarte Technik eingebunden, können der heimische Solarspeicher oder die Nachtspeicherheizung Geld verdienen, indem sie helfen, das Netz zu entlasten – oder der Rauchmelder ruft, wenn keiner zu Hause ist, selbstständig die Feuerwehr.

Vernetzung geht nur gemeinsam

An diesen Beispielen wird klar: enera bietet ein Sprungbrett, um die Energieversorgung in eine neue Zeit zu führen – aber der Schritt gelingt nur, wenn viele Menschen mitmachen: Windparkbetreiber, die ihre Anlagen auf die Nachfrage ausrichten, Betriebe, die ihre Produktion der Lage im Netz anpassen, Haushalte und Unternehmen, die intelligente Zähler nutzen und neue Tarife und Dienstleistungen ausprobieren.

Die wichtigste Aufgabe ist es daher, laufend mit Bürgern, Vereinen, Politikern, Unternehmern zu sprechen, um ihre Bedürfnisse zu erfahren und in enera einfließen zu lassen – und sie dafür zu begeistern, gemeinsam herauszufinden, was die besten Lösungen sind.

Der Nordwesten - eine Energiewenderegion

Der Nordwesten als Energie-Pionier

Diese Frage beschäftigt nicht nur die Menschen in unserer Region: Aus ganz Deutschland blickt man auf den Nordwesten, wenn im Laufe der nächsten Jahre Ergebnisse vorliegen.

Denn bei enera geht es nicht nur darum, hier vor Ort eine intelligente Infrastruktur auf- und auszubauen. Wir wollen in der Praxis zeigen, wie die Energieversorgung in zehn, zwanzig Jahren aussehen kann, wenn man sie nachhaltig und intelligent neu denkt – mit der besten Technik, die wir heute haben und als ein Gemeinschaftsprojekt, nicht von oben herab und am Reißbrett.

Hat enera einmal gezeigt, was die Digitalisierung der Energiewende bringt, und welche Rahmenbedingungen und Investitionen sie braucht, können Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auf einer guten Basis entscheiden, ob unsere Region deutschland- und europaweit Schule macht.

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