Navigation
Vorheriger Artikel: Wer möchte smart wohnen? Nächster Artikel: Im Schwarm durch die Kurve zum Markt

Die Energiewende anno 1960

Im November ging die Weltklimaschutz-Konferenz zu Ende. Zentrales Thema quer durch alle Nationen und Lager: der Kohleausstieg. Vielleicht hätte den Teilnehmern ein Blick in den Nordwesten Mut gemacht. Dort ist er beim Heizen bereits in den 60ern geglückt.

Artikel Erdgasversorgung 1960
„Oldenburg ist die erste Stadt, die bisher nutzlos verpufftes Gas als wertvolle Energiequelle nutzbringend verwerten wird - historischer Tag für EWE“
Nordwest-Zeitung im Januar 1960

Bis dahin basierte die Versorgung mit Licht und Wärme hauptsächlich auf dem sogenannten Stadtgas. Dieses Gemisch aus verschiedenen Gasen entsteht, wenn Kohle unter hoher Temperatur verschwelt. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden europaweiten in allen größeren Städten Gaswerke, wo aus Tonnen von Kohle in industriellen Anlagen das Stadtgas hergestellt wurde. Oldenburg nahm 1853 sein Gaswerk an der Rosenstraße in Betrieb und zählte damit zu den 30 ersten Städten in Deutschland. Das Stadtgas wurde als „Leuchtgas“ zunächst in der Straßenbeleuchtung eingesetzt, hielt darauf aber über Gaslampen und -öfen auch Einzug in Privathaushalte und Unternehmen.

Eisenbahn bringt Kohle für Stadtgas

Einläuten der Energiewende mit Erdgas

Erst die Verbreitung der Stromversorgung konnte dieser Entwicklung einen Dämpfer verpassen. Denn die Elektrizität als Alternative zum Stadtgas, um Häuser und Betriebe zu beleuchten und zu heizen, schätzten die Kunden als sauber und geruchsfrei. Und nicht zuletzt auch ungefährlicher. Denn das Stadtgas ist mit seinem hohen Kohlenmonoxidgehalt giftig und verursachte zahlreiche tödliche Unfälle, wurde aber auch häufig in selbstmörderischer Absicht eingesetzt.

Den endgültigen „Kohleausstieg“ im Nordwesten, also die Ablösung des kohlebasierten Stadtgases, besiegelte Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ein neuer Akteur auf Energiemarkt, das Erdgas. 1959 läutet der damalige EWE-Vorstand Heinrich Beil diese „Energiewende“ ein, zunächst für die Stadt Oldenburg, später für die ganze Region: Er schließt einen Liefervertrag mit dem Konsortium Gewerkschaft Brigitta und Mobil Oil über die Versorgung der Stadt mit jährlich zehn Millionen Kubikmeter Erdgas aus der niedersächsischen Gemeinde Lastrup im Landkreis Cloppenburg. Um das Erdgas bis nach Oldenburg zu transportieren, wird eine rund 60 kilometerlange Stahlleitung verlegt – Kostenpunkt rund drei Millionen D-Mark. Erster Kunde des neuen Energieträgers wird das gerade neu gebaute Oldenburger Hallenbad. Am 18. Dezember 1959 brennt die erste Flamme, schon im Januar 1960 werden die ersten Haushalte mit Erdgas versorgt.

Kochen mit Erdgas anno 1960

Der Aufbau einer neuen Infrastruktur braucht Mut

Heute hat Erdgas seinen selbstverständlichen Platz in unserem Energiemix. 2014 wurde knapp die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland mit Erdgas beheizt und beim Endenergieverbrauch der Industrie liegt Erdgas ganz knapp hinter dem Strom auf Platz zwei.  Damals jedoch war die Entscheidung von EWE ein unternehmerisch mutiger Schritt: Noch kein deutsches Unternehmen hatte sich zuvor in der Erdgasversorgung engagiert, die Investitionskosten waren beträchtlich und die Reichweite der Vorräte fraglich. Jedoch zeigte sich schon bald, dass EWE das richtige Gespür für den Markt bewiesen hat. Kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze wurde Europas größte Erdgasblase, das Feld „Slochteren 1“, erschlossen. 1962 kam EWE mit den Niederländern ins Geschäft und schaffte damit die Voraussetzung, um die komplette Region zwischen Weser und Ems mit dem modernen Energieträger zu versorgen.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf: 1970 schloss EWE das 100.000ste Erdgasgerät an sein Netz, versenkte bis in die 1980er Jahre im Nordwesten 7.500 Kilometer Leitung in den Boden und querte dabei auch eindrucksvolle Hindernisse wie etwa das Wattenmeer, um auch die Nordseeinseln im EWE-Gebiet zu erreichen. Auch bei den Rohren verließ EWE eingetretene Pfade und setzte auf das neue Material PVC und später Polyethylen. Heute sind diese kostengünstigen und langlebigen Kunststoffe Stand der Technik. Im Jahr 2015 umfasst das Erdgas-Leitungsnetz des gesamten EWE-Konzerns in all seinen Regionen in Deutschland, Polen und der Türkei über 70.000 Kilometer und reicht damit fast zwei Mal um den Äquator herum.

In den 1970er Jahren, als sich der Erfolg von Erdgas klar abzeichnete, rückten Versorgungssicherheit und Preisstabilität in den Fokus. Die Lösung: Vorratshaltung. Hunderte von Metern unter der Erdoberfläche ließ EWE Salzstöcke ausspülen und schaffte so riesige Hohlräume, in denen Erdgas unter hohem Druck eingelagert werden kann. Diese Vorräte können zum einen mögliche Versorgungsengpässe überbrücken. Zum anderen kann der Erdgaseinkauf vom Verbrauch entkoppelt werden, große Abnahmespitzen werden abgefedert. Eine gleichmäßige Abnahme sichert bessere Einkaufskonditionen. Heute zählt EWE mit 38 Kavernen zu den großen Speicherbetreibern im europäischen Erdgasmarkt. Die Vorräte reichen aus, um eine Millionenstadt ein Jahr lang mit Erdgas zu versorgen.

Womit heizen wir?

Die Grafik zeigt, mit welchen Energieträgern die Deutschen in ihrem Eigenheim am häufigsten heizen. Wärmeerzeugung nach Energieträgern; Werte für 2013

Womit heizen wir? Vergrößern Hier klicken zum Vergrößern

Womit heizen wir?

Die Grafik zeigt, mit welchen Energieträgern die Deutschen in ihrem Eigenheim am häufigsten heizen. Wärmeerzeugung nach Energieträgern; Werte für 2013

Womit heizen wir?

Kein bisschen angestaubt: Erdgas als Partner der Erneuerbaren

Die Erdgasversorgung blickt also auf eine lange Geschichte von der ersten Energiewende bis heute und ist dabei kein bisschen angestaubt. Im Jahr 2015 versorgte EWE 1,7 Millionen Kunden mit Erdgas.

Unter den fossilen Energieträgern ist Erdgas der emissionsärmste. Biogas, das bei der Vergärung von organischen Substanzen wie Energiepflanzen gewonnen wird, kann – richtig aufbereitet - dem Erdgas in beliebiger Menge beigemischt werden. So öffnet die Erdgasinfrastruktur den erneuerbaren Energien die Tür zum Wärmemarkt. Seit 2007 bietet EWE ein Erdgasprodukt, das anteilig Bioerdgas aus erneuerbaren Quellen enthält. Die verbleibenden CO2-Emissionen gleicht EWE durch Investitionen in Klimaschutzprojekte aus.

Umweltfreundliche Mobilität bieten über 80 Erdgastankstellen im Nordwesten und Brandenburg. Ein Erdgasauto stößt im Vergleich zum herkömmlichen Benziner bis zu 25 Prozent weniger Kohlendioxid aus und sondert keine Abgaspartikel wie Benzol oder Feinstaub ab. Mit Bio-Erdgas fällt die Bilanz entsprechend noch besser aus. Erdgas ist also auch noch heute ganz ein „Kind seiner Zeit“: sauber, sicher, klimafreundlich, vielseitig und optimal mit erneuerbaren Energien kombinierbar.

Wie fanden Sie diesen Artikel?

21 Bewertungen
Vorheriger Artikel: Wer möchte smart wohnen?
Nächster Artikel: Im Schwarm durch die Kurve zum Markt